Innovation
Agri-PV verbindet Landwirtschaft mit Stromerzeugung auf derselben Fläche. Erste Pilotprojekte in Deutschland zeigen beeindruckende Ergebnisse. Wir erklären die Technologie und zeigen, welche Kulturen sich besonders eignen.
Chefredakteur
Thomas Mueller ist Energieexperte mit über 15 Jahren Erfahrung in der Branche. Als Ingenieur der Energietechnik verbindet er fundiertes technisches Wissen mit journalistischer Expertise. Vor seiner Zeit als Chefredakteur arbeitete er als Berater für erneuerbare Energien.
Agri-Photovoltaik verbindet zwei der drängendsten Herausforderungen unserer Zeit: die Ernährungssicherheit und die Energiewende. Auf derselben Fläche werden Nahrungsmittel angebaut und Strom erzeugt — eine doppelte Ernte, die das Potenzial hat, die Landwirtschaft grundlegend zu verändern.
Bei der Agri-Photovoltaik werden Solarmodule so über oder zwischen landwirtschaftlichen Nutzflächen installiert, dass darunter weiterhin Ackerbau oder Tierhaltung möglich ist. Die Module sind dabei entweder aufgeständert (in drei bis fünf Metern Höhe) oder vertikal als bifaziale Module zwischen den Anbaureihen aufgestellt.
Ein Hektar Agri-PV liefert beeindruckende Ergebnisse:
„Agri-PV ist keine Konkurrenz zur Landwirtschaft — es ist eine Symbiose. Die Beschattung durch die Module kann Ernteverluste durch Hitze und Trockenheit sogar reduzieren." — Prof. Dr. Andrea Bönsch, Fraunhofer ISE
Die Module wirken als Schirm gegen Starkregen, Hagel und extreme Sonneneinstrahlung. Studien des Fraunhofer ISE zeigen, dass die Ernteerträge bei Kartoffeln und Sellerie unter Agri-PV-Anlagen in Trockenjahren sogar höher sind als auf freien Flächen.
Durch die teilweise Beschattung verdunstet weniger Wasser. Der Bewässerungsbedarf sinkt je nach Kultur und Standort um 15 bis 30 Prozent — ein enormer Vorteil angesichts zunehmender Trockenperioden.
Landwirte sind den Schwankungen der Agrarmärkte ausgesetzt. Eine Agri-PV-Anlage bietet eine stabile zweite Einnahmequelle über die EEG-Vergütung oder Stromverkauf.
Das EEG 2023 hat Agri-PV erstmals als eigenständige Kategorie anerkannt. Die Vergütung liegt aktuell bei:
Die DIN SPEC 91434 definiert die technischen Anforderungen: Mindestens 85 Prozent der Fläche müssen weiterhin landwirtschaftlich nutzbar sein, und die landwirtschaftliche Hauptnutzung darf nicht eingeschränkt werden.
Das Pionierprojekt des Fraunhofer ISE: Auf 0,3 Hektar werden seit 2016 Weizen, Sellerie, Kartoffeln und Kleegras unter aufgeständerten Modulen angebaut. Die Ergebnisse übertrafen die Erwartungen — die Landnutzungseffizienz lag bei 186 Prozent.
Ein 4,1-MWp-Projekt mit vertikalen bifazialen Modulen auf 12 Hektar Grünland. Zwischen den Modulreihen grasen Schafe und Rinder. Die vertikale Ausrichtung erzeugt Strom besonders in den Morgen- und Abendstunden, wenn die Nachfrage hoch ist.
Europas größte Agri-PV-Anlage mit Obstbau: 15.000 Module über Apfelbäumen auf 3,5 Hektar. Die Module schützen die Bäume vor Spätfrost und Hagel und ersetzen teure Hagelschutznetze.
Die größte Hürde bleibt die Wirtschaftlichkeit. Die Investitionskosten pro Kilowatt-Peak liegen bei Agri-PV 30 bis 50 Prozent über denen konventioneller Freiflächenanlagen. Dafür entfällt der Flächenkonflikt zwischen Energie und Ernährung.
Experten schätzen, dass Agri-PV bis 2030 eine installierte Leistung von 10 Gigawatt in Deutschland erreichen könnte. Das entspräche weniger als 0,1 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche — genug, um den Strombedarf von rund drei Millionen Haushalten zu decken, ohne einen einzigen Quadratmeter Ackerland zu verlieren.
Forschungsdaten: Fraunhofer ISE (APV-RESOLA Projekt). EEG-Vergütungssätze und DIN SPEC 91434 basieren auf dem Stand Februar 2026.