Zukunftstechnologie
Das Fraunhofer ISE hat mit 34,2 Prozent Wirkungsgrad einen neuen Modulrekord aufgestellt. Perowskit-Tandem-Solarzellen versprechen mehr Leistung auf weniger Fläche — und könnten günstiger werden als heutige Siliziummodule. Wir erklären die Technologie und wann sie auf Ihr Dach kommt.
Chefredakteur
Dr. Thomas Mueller ist Energieexperte mit über 15 Jahren Erfahrung in der Branche. Als promovierter Ingenieur der Energietechnik verbindet er fundiertes technisches Wissen mit journalistischer Expertise. Vor seiner Zeit als Chefredakteur arbeitete er als Berater für erneuerbare Energien.
Die Photovoltaik steht vor ihrem größten Technologiesprung seit der Markteinführung kristalliner Siliziumzellen. Perowskit-Tandem-Solarzellen versprechen Wirkungsgrade jenseits der 30-Prozent-Marke — und das bei potenziell deutlich niedrigeren Herstellungskosten. Das Fraunhofer ISE hat Anfang 2026 gleich zwei Tandem-Modulrekorde aufgestellt: 34,2 Prozent mit III-V-Halbleitern und 31,3 Prozent mit III-V auf Silizium. Parallel treibt Qcells die Perowskit-Silizium-Tandemzelle mit 28,6 Prozent Wirkungsgrad in Richtung Serienproduktion. Was bedeutet das für die Zukunft der Solarenergie?
Perowskite sind eine Klasse kristalliner Materialien mit einer besonderen Gitterstruktur, die erstmals 1839 im Ural entdeckt wurde. Für die Photovoltaik sind vor allem Halogenid-Perowskite relevant — synthetische Verbindungen aus Blei, Jod und organischen Molekülen, die Licht extrem effizient in elektrische Energie umwandeln.
Der entscheidende Vorteil: Die Bandlücke von Perowskiten lässt sich durch Variation der chemischen Zusammensetzung gezielt einstellen. Damit können sie genau den Wellenlängenbereich des Sonnenlichts absorbieren, der von herkömmlichen Siliziumzellen nicht optimal genutzt wird.
Eine Tandem-Solarzelle stapelt zwei verschiedene Absorberschichten übereinander:
Durch diese Arbeitsteilung nutzt die Tandemzelle ein breiteres Spektrum des Sonnenlichts als jede einzelne Zelle allein. Das theoretische Effizienzlimit liegt bei etwa 43 Prozent — deutlich über den 29,4 Prozent, die für reine Siliziumzellen gelten (Shockley-Queisser-Limit).
In der Tandem-Photovoltaik laufen mehrere Technologiestränge parallel. Wichtig: Nicht alle Tandems nutzen Perowskit — das Fraunhofer ISE setzt auf III-V-Halbleiter (Gallium, Indium), während Qcells und andere auf Perowskit/Silizium setzen. Beide Ansätze sind relevant:
| Technologie | Wirkungsgrad | Besonderheit | |---|---|---| | III-V auf Germanium | 34,2 % | Weltweit effizientestes Solarmodul (833 cm²) | | III-V auf Silizium | 31,3 % | Günstiger als Germanium, Silizium-Unterseite |
III-V-Tandems nutzen Halbleiter aus der III. und V. Hauptgruppe (z. B. Galliumarsenid, Indiumphosphid). Sie erreichen die höchsten Wirkungsgrade, sind aber in der Herstellung teuer. Ihr Einsatz ist bislang vor allem in der Raumfahrt und in Konzentrator-Systemen wirtschaftlich.
| Institution | Wirkungsgrad | Besonderheit | |---|---|---| | Qcells (Hanwha) | 28,6 % | Vollflächige M10-Zelle, skalierbar für Massenproduktion | | Passivierung (internationales Team) | 33,1 % | Laborzelle, Leerlaufspannung 2,01 V | | ISTA Wien | — | Mechanismus der Ladungstrennung in Perowskiten aufgeklärt |
Die Perowskit/Silizium-Tandemzelle ist der vielversprechendste Kandidat für den Massenmarkt: Perowskit als obere Schicht, konventionelles Silizium als untere. Die Herstellung ist potenziell günstiger als bei III-V-Tandems, da Perowskit bei niedrigen Temperaturen aufgebracht werden kann.
Physiker des Institute of Science and Technology Austria (ISTA) haben 2026 einen überraschenden Mechanismus aufgeklärt: In Perowskit-Kristallen existiert ein natürliches Netzwerk struktureller Defekte, das Elektron-Loch-Paare räumlich trennt und ihre Rekombination verhindert. Anders als bei Silizium, wo Defekte die Effizienz mindern, sind die Defekte in Perowskiten also Teil der Lösung.
„Perowskite nutzen ihre Unvollkommenheit als Werkzeug. Das ist ein völlig neues Paradigma in der Halbleiterphysik." — Prof. Andrei Slavney, ISTA Wien
Der Weg vom Rekord im Labor zum Modul auf dem Dach ist noch mit Hürden gespickt:
Perowskite reagieren empfindlich auf Feuchtigkeit, UV-Strahlung und Temperaturschwankungen. Die Lebensdauer liegt aktuell bei 10 bis 15 Jahren — deutlich unter den 25 bis 30 Jahren, die für Siliziummodule garantiert werden. Neue Verkapselungstechniken und stabilere Perowskit-Zusammensetzungen schließen diese Lücke jedoch schnell.
Im Labor werden Perowskit-Schichten typischerweise auf wenigen Quadratzentimetern aufgebracht. Qcells hat mit seiner vollflächigen M10-Tandemzelle (28,6 % Wirkungsgrad) gezeigt, dass die Skalierung auf industrielle Formate möglich ist. Der nächste Schritt ist die Hochlaufphase in der Serienfertigung.
Die meisten Perowskit-Solarzellen enthalten geringe Mengen Blei. Die Konzentration pro Quadratmeter Modulfläche liegt bei etwa 0,4 Gramm — vergleichbar mit dem Bleigehalt in einem Liter verbleitem Benzin. Forschungsgruppen arbeiten an bleifreien Alternativen auf Zinn-Basis, die allerdings noch deutlich geringere Wirkungsgrade erreichen.
Kurzfristig (2026–2027): Perowskit-Tandem-Module sind noch nicht für den Privatmarkt verfügbar. Wer jetzt eine PV-Anlage plant, sollte auf hochwertige monokristalline PERC- oder TOPCon-Module setzen, die bereits 21 bis 23 Prozent Wirkungsgrad erreichen.
Mittelfristig (2028–2030): Erste Perowskit-Tandem-Module werden voraussichtlich auf den Markt kommen — zunächst im Premiumsegment mit Wirkungsgraden über 28 Prozent. Für Hausbesitzer mit begrenzter Dachfläche wird das besonders interessant: Mehr Leistung auf weniger Fläche.
Langfristig (nach 2030): Wenn die Serienfertigung ausgereift ist, könnten Perowskit-Tandem-Module die Standardtechnologie werden. Die Herstellungskosten könnten unter denen heutiger Siliziummodule liegen, da die Perowskit-Schicht bei niedrigen Temperaturen aufgedampft oder gedruckt werden kann.
Die Perowskit-Tandem-Technologie ist kein Laborexperiment mehr — sie steht an der Schwelle zur Kommerzialisierung. Mit Wirkungsgraden über 30 Prozent und dem Potenzial für günstige Massenproduktion könnte sie die nächste große Welle der Solarrevolution auslösen. Für die Energiewende in Deutschland bedeutet das: Mehr Solarstrom von weniger Fläche — ein entscheidender Vorteil in einem dicht besiedelten Land.
Quellen: Fraunhofer ISE, Institute of Science and Technology Austria (ISTA), Qcells/Hanwha, Nature Energy. Stand: Februar 2026.