Energiewende-Meilenstein
Zum ersten Mal haben Wind- und Solarenergie gemeinsam mehr Strom erzeugt als alle anderen Energiequellen in Deutschland. Photovoltaik legte um 21 Prozent zu, 575 Stunden negativer Strompreise markieren einen neuen Rekord. Was das für Verbraucher bedeutet.
Redakteurin Energiemarkt
Anna Schmidt ist Wirtschaftsjournalistin mit Schwerpunkt Energiemärkte und Energiepolitik. Nach ihrem Studium der Volkswirtschaftslehre berichtete sie mehrere Jahre über europäische Energiepolitik aus Brüssel. Heute analysiert sie Marktentwicklungen und ihre Auswirkungen auf Verbraucher.
Es ist ein historischer Meilenstein: Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik haben Wind- und Solarenergie gemeinsam mehr Strom erzeugt als alle anderen Energiequellen. Das zeigen die Daten des Fraunhofer ISE zur öffentlichen Nettostromerzeugung 2025. Die Erneuerbaren sind damit nicht mehr Ergänzung, sondern Rückgrat des deutschen Stromsystems.
Windkraft war 2025 der stärkste einzelne Energieträger in der deutschen Stromerzeugung. Photovoltaik legte um 21 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu und überholte damit erstmals Braunkohle und Erdgas. Zusammen deckten Wind und Solar mehr als die Hälfte der öffentlichen Nettostromerzeugung ab.
| Energieträger | Anteil 2025 | Veränderung zu 2024 | |---|---|---| | Windkraft (On- + Offshore) | ca. 28 % (132 TWh) | -3 % | | Photovoltaik | ca. 18 % (87 TWh) | +21 % | | Braunkohle | ca. 14 % | -18 % | | Erdgas | ca. 12 % | -8 % | | Steinkohle | ca. 7 % | -22 % | | Biomasse | ca. 7 % | ±0 % | | Kernenergie | 0 % | — |
Die Erneuerbaren insgesamt — inklusive Biomasse und Wasserkraft — erreichten einen Anteil von rund 58,8 Prozent an der öffentlichen Nettostromerzeugung. Im dritten Quartal 2025 lag der Anteil laut Statistischem Bundesamt sogar bei 64,1 Prozent.
Deutschland hat 2025 erneut über 16 Gigawatt neue Photovoltaik-Leistung installiert. Damit liegt die installierte PV-Gesamtleistung bei rund 100 Gigawatt. Knapp die Hälfte des Zubaus entfiel auf Gebäudeanlagen, die andere auf Freiflächen. Besonders der Boom bei Balkonkraftwerken trug zum dezentralen Ausbau bei.
Der Windenergiezubau an Land erreichte 2025 mit 4,6 Gigawatt den höchsten Wert seit 2017. Die Genehmigungslage hat sich deutlich verbessert: 17,9 Gigawatt an neuen Genehmigungen legen den Grundstein für einen noch stärkeren Ausbau 2026. Überzeichnete Ausschreibungen signalisieren, dass die Branche investitionsbereit ist.
Gleichzeitig gingen weitere Kohlekraftwerke vom Netz oder wurden in die Sicherheitsbereitschaft überführt. Der Steinkohleanteil fiel auf ein historisches Tief, Braunkohle verlor ebenfalls deutlich. Dieser Trend ist strukturell: Die hohen CO₂-Preise im EU-Emissionshandel (über 60 Euro pro Tonne) machen Kohlestrom zunehmend unwirtschaftlich.
Ein Nebeneffekt des Erneuerbaren-Booms: An 575 Stunden im Jahr 2025 fielen die Börsenstrompreise in den negativen Bereich — ein neuer Rekord, der die 457 Stunden des Vorjahres deutlich übertraf. In diesen Stunden produzierten Wind und Solar so viel Strom, dass das Angebot die Nachfrage überstieg.
Für Verbraucher mit dynamischen Stromtarifen (etwa Tibber oder 1Komma5°) sind negative Preise ein Segen: Sie laden ihr E-Auto, betreiben die Wärmepumpe oder füllen den Heimspeicher quasi kostenlos. Für das Stromsystem insgesamt sind sie jedoch ein Signal: Es braucht mehr Flexibilität — durch Speicher, steuerbare Lasten und bessere Vernetzung.
Mit steigendem Erneuerbaren-Anteil wachsen die Herausforderungen:
An windstillen, bewölkten Wintertagen müssen weiterhin konventionelle Kraftwerke einspringen. Im Januar 2025 gab es eine mehrtägige Dunkelflaute, in der Wind und Solar zusammen nur 5 bis 10 Prozent des Bedarfs deckten. Gaskraftwerke, Importe und die verbliebenen Kohlemeiler sicherten die Versorgung.
Die Nord-Süd-Stromtrassen SuedLink und SuedOstLink, die Windstrom von der Küste in die Industriezentren Süddeutschlands transportieren sollen, sind weiterhin im Bau. Bis zu ihrer Fertigstellung 2028/2029 kommt es regelmäßig zu Netzengpässen, die durch kostspielige Redispatch-Maßnahmen ausgeglichen werden müssen.
Der Ausbau von Batteriespeichern — von Heimspeichern über Quartierspeicher bis zu Großspeichern — wird zum entscheidenden Faktor. Deutschland hat 2025 erstmals mehr als 1 Million Heimspeicher in Betrieb genommen. Für die Langzeitspeicherung über Tage und Wochen werden zusätzlich Wasserstoffspeicher und Pumpspeicherkraftwerke benötigt.
Die Bundesnetzagentur hat ambitionierte Ziele: Der PV-Zubau soll 2026 auf 22 Gigawatt steigen, bei Windkraft an Land sind 10 Gigawatt angepeilt. Wenn diese Werte erreicht werden, könnte der Erneuerbaren-Anteil bis Jahresende auf über 65 Prozent klettern.
Doch es gibt Risiken:
Der Rekordanteil der Erneuerbaren wirkt sich direkt auf die Stromkosten aus: Durch mehr Stunden mit niedrigen oder negativen Börsenpreisen sinken die Beschaffungskosten der Versorger. Wer einen dynamischen Tarif nutzt und seinen Verbrauch flexibel steuert, profitiert am stärksten.
Gleichzeitig steigen die Netzentgelte, weil der Netzausbau finanziert werden muss. Unterm Strich bleibt der Strompreis 2026 für Haushaltskunden voraussichtlich stabil bei 30 bis 33 Cent pro Kilowattstunde.
2025 markiert den Wendepunkt der deutschen Energiewende: Erneuerbare Energien sind nicht mehr Herausforderer, sondern die dominante Kraft im Stromsystem. Der Weg zur Klimaneutralität 2045 ist damit vorgezeichnet — aber er erfordert massive Investitionen in Speicher, Netze und Flexibilität. Die Physik stimmt, jetzt muss die Infrastruktur nachziehen.
Quellen: Fraunhofer ISE „Energy Charts", Bundesnetzagentur, Agora Energiewende, BDEW. Stand: Februar 2026.