Faktencheck
77 Wärmepumpen in Bestandsgebäuden, vier Jahre Messdaten: Das Fraunhofer ISE zeigt, dass Wärmepumpen auch in unsanierten Altbauten eine Jahresarbeitszahl von 3,4 erreichen — und 64 Prozent weniger CO₂ ausstoßen als Gasheizungen.
Chefredakteur
Dr. Thomas Mueller ist Energieexperte mit über 15 Jahren Erfahrung in der Branche. Als promovierter Ingenieur der Energietechnik verbindet er fundiertes technisches Wissen mit journalistischer Expertise. Vor seiner Zeit als Chefredakteur arbeitete er als Berater für erneuerbare Energien.
„Wärmepumpen funktionieren nicht im Altbau." Diesen Satz hört man in jeder Heizungsdebatte. Das Fraunhofer ISE hat ihn jetzt mit vier Jahren Messdaten widerlegt: 77 Wärmepumpen in Bestandsgebäuden — Baujahre 1826 bis 2001 — erreichen im Durchschnitt eine Jahresarbeitszahl von 3,4. Selbst in unsanierten Häusern. Die Langzeitstudie räumt mit den hartnäckigsten Mythen auf.
Das Forschungsprojekt „WP-QS im Bestand" des Fraunhofer ISE lief über vier Jahre und wurde im November 2025 abgeschlossen. Die wichtigsten Eckdaten:
| Wärmepumpen-Typ | Anzahl | Durchschnittliche JAZ | Spanne | |---|---|---|---| | Luft-Wasser | 61 | 3,4 | 2,6–4,5 | | Sole-Wasser (Erdwärme) | 16 | 4,3 | 3,6–5,4 |
Zum Vergleich: Im Vorgängerprojekt (2019–2021) lagen die Werte bei JAZ 3,1 (Luft-Wasser) und 4,1 (Sole-Wasser). Die Verbesserung zeigt den technischen Fortschritt der Geräte.
Der wichtigste Befund: Es gibt keinen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Baujahr des Gebäudes und der Effizienz der Wärmepumpe. Häuser aus den 1950er-Jahren erreichten teils bessere Werte als Gebäude aus den 1990ern. Entscheidend war nicht das Baujahr, sondern die Auslegung und Einstellung der Anlage.
Realität: Die Studie zeigt JAZ-Werte von 3,0 und mehr auch in Gebäuden ohne jede energetische Sanierung. Ein unsaniertes Haus aus den 1930er-Jahren mit 210 m² beheizter Fläche erreichte eine JAZ von 3,2 mit einer Luft-Wasser-Wärmepumpe.
Was zählt: Die Wärmepumpe muss korrekt dimensioniert und auf das Gebäude abgestimmt sein. Das Gebäude selbst muss nicht perfekt gedämmt sein.
Realität: Viele der untersuchten Gebäude heizten mit klassischen Heizkörpern — und erreichten trotzdem gute JAZ-Werte. Der Schlüssel liegt in der Vorlauftemperatur, nicht im Heizkörpertyp.
Fraunhofer-Empfehlung: Wenn die Vorlauftemperatur unter 55 °C gehalten werden kann, arbeiten Wärmepumpen effizient — egal ob Fußbodenheizung, klassische Radiatoren oder Konvektoren. Oft reicht es, einzelne zu klein dimensionierte Heizkörper gegen größere auszutauschen, statt das gesamte System umzubauen.
Realität: Komplettsanierung vor dem Wärmepumpeneinbau ist wünschenswert, aber nicht zwingend nötig. Die Studie zeigt, dass auch unsanierte Gebäude funktionieren. Wichtiger als Komplettsanierung sind gezielte Einzelmaßnahmen:
Realität: Die JAZ von 3,4 im Jahresmittel schließt kalte Winterperioden mit ein. Ja, die Effizienz sinkt bei -10 °C deutlich — aber sie fällt nicht auf 1,0, wie oft behauptet wird. Moderne Geräte mit R-290 (Propan) als Kältemittel und optimierten Verdampfern erreichen auch bei -15 °C noch einen COP von 2,0 bis 2,5.
Der Jahresschnitt ist entscheidend: Die meisten Heizstunden fallen auf Temperaturen zwischen +5 und -5 °C — und dort arbeiten Luft-Wasser-Wärmepumpen besonders effizient.
Realität: Veraltet. Aktuelle Außengeräte erreichen Schallleistungspegel von 35 bis 45 dB(A) — leiser als ein Kühlschrank. Die EU-Ökodesign-Verordnung begrenzt die Geräuschemissionen je nach Heizleistung (z. B. 60 dB für Geräte bis 6 kW). Zusätzlich gibt es Schallschutzlösungen: Schallschutzhauben, schwingungsentkoppelte Aufstellung und optimierte Aufstellorte (nicht direkt an der Nachbarwand).
Die häufigste Wahl: Keine Bohrung nötig, Aufstellung im Garten oder an der Hauswand. Die 61 Luft-Wasser-Anlagen in der Studie zeigten eine durchschnittliche JAZ von 3,4. Investitionskosten: 15.000 bis 25.000 € (vor Förderung).
Am besten geeignet für: Häuser mit Vorlauftemperaturen bis 55 °C, ausreichend Platz für die Außeneinheit, Nachbarn in angemessenem Abstand.
Die effizientere, aber teurere Variante: JAZ 4,3 im Durchschnitt. Erfordert entweder eine Erdsonde (80–100 m Bohrung) oder Erdkollektoren (200–300 m² Gartenfläche). Investitionskosten: 25.000 bis 40.000 € (vor Förderung).
Am besten geeignet für: Häuser mit begrenztem Platz für Außengeräte, hohem Wärmebedarf, oder wenn maximale Effizienz gewünscht ist.
Speziell für Altbauten mit hohen Vorlauftemperaturen (60–75 °C) entwickelt. Neuere Geräte mit R-290 (Propan) als Kältemittel erreichen diese Temperaturen ohne Effizienzeinbruch. Investitionskosten: 18.000 bis 28.000 € (vor Förderung).
Am besten geeignet für: Altbauten mit alten Heizkörpern und hohem Warmwasserbedarf, bei denen eine Absenkung der Vorlauftemperatur schwierig ist.
Die Fraunhofer-Studie hat erstmals zeitvariable Emissionsfaktoren für den Strommix verwendet — also berücksichtigt, zu welcher Stunde der Strom wie CO₂-intensiv ist. Ergebnis: Wärmepumpen in der Studie verursachten 64 Prozent weniger CO₂-Emissionen als vergleichbare Gasheizungen (Bezugsjahr 2024).
Dieser Wert wird mit steigendem Anteil erneuerbarer Energien im Strommix weiter sinken. Bei 80 % Erneuerbaren-Anteil (Ziel 2030) läge der Vorteil bei über 80 %.
| Förderbaustein | Höhe | |---|---| | Grundförderung | 30 % | | Klimageschwindigkeitsbonus | 20 % (degressiv) | | Einkommensbonus (bis 40.000 € zvE) | 30 % | | Effizienzbonus (effiziente E-WP) | 5 % | | Maximale Förderquote | 70 % |
Rechenbeispiel: Luft-Wasser-Wärmepumpe für 22.000 € brutto. Mit Grundförderung (30 %) + Klimageschwindigkeitsbonus (20 %) + Einkommensbonus (30 %) = 70 % Förderung, aber maximal auf 30.000 € förderfähige Kosten. Förderung: 15.400 €. Eigenanteil: 6.600 €.
Lassen Sie einen Energieberater (BAFA-gelistet) eine Bestandsaufnahme machen: Heizlast berechnen, Vorlauftemperaturen messen, Heizkörper beurteilen. Kosten: 300–500 € (wird gefördert).
Basierend auf der Bestandsaufnahme: hydraulischer Abgleich, ggf. einzelne Heizkörper tauschen, ggf. obere Geschossdecke dämmen. Keine Komplettsanierung nötig.
Förderantrag bei der KfW stellen vor Beauftragung. Fachbetrieb wählen (BWP-Handwerkersuche). Planungszeit einkalkulieren: 3–6 Monate vom Antrag bis zur Inbetriebnahme.
Die Fraunhofer-Studie liefert die bisher umfangreichste Datenbasis für Wärmepumpen im Gebäudebestand. Das Ergebnis: Wärmepumpen funktionieren im Altbau — nicht nur theoretisch, sondern nachweislich über vier Heizperioden. Mit einer durchschnittlichen JAZ von 3,4 (Luft-Wasser) und 4,3 (Sole-Wasser) sind sie effizienter als jede Gasheizung und stoßen 64 Prozent weniger CO₂ aus. Wer auf eine Wärmepumpe im Altbau umsteigen will, sollte nicht auf die perfekte Sanierung warten — sondern jetzt handeln. Die Förderung war nie höher, die Technik nie besser.
Quellen: Fraunhofer ISE Projekt „WP-QS im Bestand" (2025), Bundesverband Wärmepumpe (BWP), KfW, BMWK, EU-Ökodesign-Verordnung. Stand: Februar 2026.