Forschung
Was wäre, wenn eine Wärmepumpe ganz ohne Kältemittel auskommt — kein R-290, kein Kompressor, kein Lärm? Elektrokalorische Systeme nutzen elektrische Felder statt Gas. Die Prototypen laufen. Wir erklären, wann die Technologie marktreif wird.
Chefredakteur
Thomas Mueller ist Energieexperte mit über 15 Jahren Erfahrung in der Branche. Als Ingenieur der Energietechnik verbindet er fundiertes technisches Wissen mit journalistischer Expertise. Vor seiner Zeit als Chefredakteur arbeitete er als Berater für erneuerbare Energien.
Was wäre, wenn eine Wärmepumpe ganz ohne Kältemittel auskommt — kein R-290, kein R-32, kein Kompressor? Elektrokalorische Wärmepumpen nutzen einen vollkommen anderen physikalischen Effekt, um Wärme zu transportieren. Die Technologie steckt noch in der Forschung, aber die ersten Prototypen zeigen vielversprechende Ergebnisse.
Bestimmte Materialien erwärmen sich, wenn ein elektrisches Feld angelegt wird, und kühlen sich wieder ab, wenn das Feld entfernt wird. Dieser Effekt heißt elektrokalorischer Effekt (ECE) und ist das elektrische Pendant zum magnetokalorischen Effekt, der in der Kühltechnik bereits intensiver erforscht wird.
Der Prozess in vier Schritten:
Durch schnelles Hin- und Herschalten des elektrischen Feldes entsteht ein kontinuierlicher Wärmepumpenprozess — ganz ohne bewegliche Teile und ohne gasförmige Kältemittel.
| Eigenschaft | Kompressor-WP | Elektrokalorische WP | |---|---|---| | Kältemittel | R-290, R-32, R-410A | Keines (Festkörper) | | Bewegliche Teile | Kompressor, Ventile | Keine | | Geräuschentwicklung | 35–60 dB(A) | Nahezu lautlos | | GWP (Treibhauspotenzial) | 3–675 (je nach Kältemittel) | 0 | | Theoretischer COP | 3–5 | Bis zu 10 (theoretisch) | | Wartung | Regelmäßig (Kältemittelkreis) | Minimal |
Die Vorteile sind bestechend: kein brennbares oder klimaschädliches Kältemittel, kein Kompressorlärm, keine Vibrationen, und theoretisch deutlich höhere Effizienz. Für dicht bebaute Wohngebiete, in denen die Schallemissionen von Wärmepumpen zum Problem werden, wäre das ein Durchbruch.
Die vielversprechendsten Materialien für elektrokalorische Wärmepumpen sind:
Die größte Herausforderung: Der Temperaturhub pro Zyklus ist gering. Eine konventionelle Wärmepumpe kann Temperaturdifferenzen von 40 bis 60 Kelvin in einem einzigen Kreislauf überwinden. Elektrokalorische Systeme schaffen pro Zyklus nur 2 bis 15 Kelvin und müssen daher kaskadiert werden — mehrere Stufen hintereinander, um nutzbare Temperaturdifferenzen zu erreichen.
An mehreren Forschungseinrichtungen weltweit laufen Prototypentests:
Experten schätzen, dass elektrokalorische Wärmepumpen für den Gebäudebereich frühestens 2032 bis 2035 marktreif sein könnten. Für spezifische Anwendungen (z. B. Kühlung von Elektronik, Klimaanlagen in Fahrzeugen) könnte der Markteintritt früher erfolgen.
Eng verwandt mit dem elektrokalorischen Effekt ist der magnetokalorische Effekt: Bestimmte Materialien (z. B. Gadolinium-Legierungen) erwärmen sich in einem Magnetfeld und kühlen ab, wenn das Feld entfernt wird.
Magnetokalorische Systeme sind in der Entwicklung weiter fortgeschritten:
Der Nachteil: Magnetokalorische Systeme benötigen starke Permanentmagnete (Neodym), deren Herstellung ressourcenintensiv ist und geopolitische Abhängigkeiten schafft (China kontrolliert über 60 % der Seltenerd-Produktion).
Elektrokalorische Wärmepumpen haben für Hausbesitzer noch keine praktische Relevanz. Wer jetzt eine Wärmepumpe braucht, sollte auf bewährte Kompressor-Technologie mit dem Kältemittel R-290 (Propan) setzen — das ist die aktuell umweltfreundlichste verfügbare Option.
Erste Nischenprodukte könnten auf den Markt kommen — zunächst wahrscheinlich als Klimaanlagen für Serverräume oder Fahrzeuge, wo die kompakte Bauform und Geräuschlosigkeit besonders geschätzt werden.
Wenn die Materialforschung die Herausforderungen bei Temperaturhub und Leistungsdichte löst, könnten elektrokalorische Systeme konventionelle Wärmepumpen in bestimmten Anwendungen verdrängen — insbesondere dort, wo Geräusch, Kältemittel oder Platz ein Problem sind.
Elektrokalorische Wärmepumpen sind ein faszinierender Blick in die Zukunft der Heiztechnik. Die Physik funktioniert, die Materialien werden besser, die ersten Prototypen laufen. Bis zur Marktreife für Wohngebäude ist es noch ein weiter Weg — aber die Richtung stimmt. Für eine Welt, die ohne Kältemittel heizen und kühlen will, könnte diese Technologie der Schlüssel sein. Und das Beste: Sie ist so leise, dass selbst der empfindlichste Nachbar nichts hören wird.
Quellen: Universität des Saarlandes, Luxembourg Institute of Science and Technology, Fraunhofer IPM, Nature Energy, Advanced Materials. Stand: Februar 2026.