E-Mobilität
60 bis 100 kWh Batteriekapazität im E-Auto — das ist fünfmal mehr als ein Heimspeicher. Vehicle-to-Home macht das Auto zum mobilen Kraftwerk. Welche Fahrzeuge und Wallboxen das können, und wann sich die Investition rechnet.
Technik-Redakteur
Markus Weber ist Ingenieur und Technikjournalist mit Leidenschaft für innovative Energietechnologien. Er testet und bewertet Photovoltaikanlagen, Batteriespeicher und Wärmepumpen. Seine praxisnahen Ratgeber helfen Hausbesitzern, die richtige Entscheidung für ihre Energiewende zu treffen.
Ihr Elektroauto hat eine Batterie mit 60 bis 100 Kilowattstunden Kapazität — das ist fünf- bis zehnmal mehr als ein typischer Heimspeicher. Was wäre, wenn das Auto nicht nur Strom verbraucht, sondern auch zurückgibt? Bidirektionales Laden macht das E-Auto zum mobilen Kraftwerk. Die Technologie steht 2026 vor dem Durchbruch.
Bei herkömmlichem Laden fließt Strom in eine Richtung: vom Netz in die Autobatterie. Bidirektionales Laden kehrt diesen Fluss um — das Auto kann Strom auch wieder abgeben. Je nach Anwendungsfall unterscheidet man drei Varianten:
Das E-Auto versorgt das eigene Haus mit Strom. Typischer Anwendungsfall: Tagsüber lädt die PV-Anlage das Auto, abends und nachts speist das Auto den Haushalt. Das Auto übernimmt damit die Funktion eines Heimspeichers.
Das E-Auto speist Strom ins öffentliche Stromnetz ein. Der Fahrzeugbesitzer wird zum Energieanbieter und kann von hohen Börsenstrompreisen profitieren, indem er zu teuren Zeiten einspeist und zu günstigen Zeiten lädt.
Das Auto versorgt externe Geräte direkt mit Strom über eine Steckdose am Fahrzeug. Bereits heute bei vielen Modellen verfügbar (z. B. Hyundai Ioniq 5, Kia EV6) — allerdings nur als Wechselstrom-Ausgang am Fahrzeug, nicht über die Wallbox.
Die Liste der V2H/V2G-fähigen Fahrzeuge wächst schnell:
| Hersteller | Modell | V2H/V2G | Bidirektionale Ladeleistung | Verfügbar ab | |---|---|---|---|---| | VW | ID.4/ID.5 (ab MY2026) | V2H, V2G | 11 kW AC | Mitte 2026 | | BMW | iX, i5 (ab MY2026) | V2H | 11 kW AC | 2026 | | Hyundai | Ioniq 5/6 | V2H, V2G | 11 kW AC | Bereits erhältlich | | Kia | EV6, EV9 | V2H, V2G | 11 kW AC | Bereits erhältlich | | Renault | R5 E-Tech, Scenic | V2H, V2G | 11 kW AC | 2026 | | BYD | Seal, Atto 3 | V2H, V2L | 6,6 kW AC | 2026 | | Tesla | Model 3/Y (HW4) | V2H (angekündigt) | — | Unbestätigt |
Entscheidend: Das Fahrzeug muss die bidirektionale Kommunikation über den CCS-Stecker oder den AC-Anschluss unterstützen. Ältere Modelle können in der Regel nicht nachgerüstet werden.
Nicht jede Wallbox unterstützt bidirektionales Laden. Es werden spezielle Geräte benötigt, die den Strom aus der Fahrzeugbatterie in netzkonformen Wechselstrom umwandeln und einspeisen können.
Aktuelle bidirektionale Wallboxen:
| Wallbox | Ladeleistung | Bidirektionale Leistung | Preis (ca.) | |---|---|---|---| | Kostal Enector | 11 kW | 11 kW | 2.500–3.000 € | | SMA EV Charger | 22 kW | 11 kW | 2.800–3.500 € | | Wallbox Quasar 2 | 11 kW | 11 kW | 2.200–2.800 € | | Fronius Wattpilot Bi | 11 kW | 11 kW | 2.500–3.200 € |
Die Preise liegen etwa doppelt so hoch wie bei herkömmlichen Wallboxen (1.000–1.500 Euro), was die zusätzliche Wechselrichter-Technik erklärt.
Annahmen: 10-kWp-PV-Anlage, E-Auto mit 60-kWh-Batterie, 15.000 km/Jahr, Strompreis 32 Ct/kWh, Einspeisevergütung 8 Ct/kWh.
Ohne bidirektionales Laden:
Mit V2H:
Die Mehrkosten für die bidirektionale Wallbox (ca. 1.000–1.500 Euro gegenüber einer normalen Wallbox) amortisieren sich damit in etwa zwei Jahren.
Wer einen dynamischen Tarif nutzt (z. B. Tibber), kann gezielt günstig laden und teuer einspeisen. An den 575 Stunden mit negativen Strompreisen im Jahr 2025 war das Laden praktisch kostenlos. In Spitzenzeiten lagen die Börsenpreise bei über 50 Cent/kWh.
Bei optimaler Steuerung und 200 Arbitrage-Zyklen pro Jahr (günstig laden, teuer einspeisen) lässt sich ein zusätzlicher Erlös von 300 bis 600 Euro pro Jahr erzielen — allerdings auf Kosten zusätzlicher Ladezyklen, die die Batterie belasten.
Die zentrale Sorge vieler E-Auto-Besitzer: Schadet bidirektionales Laden der Batterie?
Die kurze Antwort: Ja, aber weniger als befürchtet.
Moderne Lithium-Ionen-Batterien sind für mindestens 1.500 bis 3.000 Vollzyklen ausgelegt (bei 80 % verbleibender Kapazität). Ein V2H-Zyklus pro Tag entspricht etwa 365 zusätzlichen Teilzyklen pro Jahr — typischerweise zwischen 10 und 30 Prozent der Gesamtkapazität.
Entscheidend für die Batterieschonung:
Hyundai und Kia gewähren auf ihre V2G-fähigen Modelle eine Batteriegarantie von 8 Jahren/160.000 km, die auch bei bidirektionaler Nutzung gilt.
Wenn 15 Millionen E-Autos in Deutschland bidirektional laden könnten (Ziel 2030), stünde eine Speicherkapazität von rund 750 Gigawattstunden zur Verfügung — das Hundertfache aller installierten stationären Speicher. Selbst wenn nur 10 Prozent dieser Kapazität zu Spitzenzeiten verfügbar wären, entspräche das der Leistung mehrerer Gaskraftwerke.
Das Konzept der „virtuellen Kraftwerke" macht dieses Potenzial nutzbar: Aggregatoren wie 1Komma5°, Sonnen oder Tibber bündeln Tausende dezentrale Speicher und bieten ihre Kapazität am Regelenergiemarkt an. Die E-Auto-Besitzer werden dafür vergütet.
Bidirektionales Laden verwandelt das E-Auto vom reinen Verbraucher zum aktiven Teilnehmer am Energiesystem. Die Technologie ist serienreif, die ersten Fahrzeuge und Wallboxen sind verfügbar. Für PV-Anlagenbesitzer ist V2H eine kostengünstige Alternative zum stationären Heimspeicher. Für das Stromsystem insgesamt könnte V2G den entscheidenden Flexibilitätsbaustein liefern, der die Energiewende bezahlbar macht. 2026 ist das Jahr, in dem diese Vision Realität wird.
Quellen: VW, Hyundai, BMW, SMA, Fraunhofer ISE, Bundesnetzagentur, Tibber. Stand: Februar 2026.